Gemeinsame Tagung der WHO und der
International Task Force for Prevention of Coronary Heart Disease
"Prävention der koronaren Herzkrankheit
in post-menopausalen Frauen"
Scuol, Schweiz, Dezember 1999
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Fragengruppe 1
Hormonersatztherapie: Alternativen zu konventionellen Hormonpräparaten
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Können "Designer-Estrogene" oder die neuen (3. Generation)
"Selective Estrogen Receptor Modulators" (SERMs), wie z.B.
Raloxifen, statt Hormonersatztherapie zur koronaren Prävention eingesetzt werden?
Die Bedenken wegen potentieller Nebenwirkungen durch konventionelle
Hormonersatztherapien haben zu einer Suche nach alternativen
Therapieformen geführt.
Die Monotherapie mit dem synthetischen 19-Nortestosteronederivat
Tibolone hat großes Interesse geweckt, da seine estrogenen, gestagenen
und androgenen Metaboliten klimakterische Beschwerden mindern und
Osteoporose verhindern ohne menstruale Blutungen zu verursachen.
Diese Eigenschaften erhöhen die Compliance bei postmenopausalen Frauen
und gestatten die Behandlung älterer postmenopausaler Frauen, die zuvor
keine Hormonersatztherapie durchgeführt haben. Tibolon verringert
die Serumkonzentration von Lp(a), Fibrinogen sowie PAI-1 und
verbessert Glukosetoleranz, Insulinsensitivität und Endothelfunktion.
Allerdings sinkt die Serumkonzentration des HDL-Cholesterins um
mehr als 20%. Die Langzeitwirkung von Tibolon auf kardiovaskuläre
Erkrankungen ist nicht bekannt und muss untersucht werden.
Weitere alternative Formen der Hormonersatztherapie basieren auf
dem Einsatz von selektiven Estrogenrezeptormodulatoren (SERMs)
wie Tamoxifen und Raloxifen oder Phytoestrogenen. SERMs reduzieren
die Serumspiegel von LDL-Cholesterin und Lp(a) und erhöhen die
Serumkonzentration des HDL-Cholesterins, allerdings weniger
effektiv als Estrogene. Triglyzeridserumspiegel werden jedoch
nicht erhöht. In einer posthoc Analyse der 5-Jahresdaten von
13.000 Frauen, die an einer plazebokontrollierten
Brustkrebs-Präventionsstudie teilnahmen, konnte eine
kardioprotektive Wirkung von Tamoxifen nicht bewiesen werden.
ähnlich wie bei der konventionellen Hormonersatztherapie in
HERS wird durch Tamoxifen das Risiko thromboembolischer
Ereignisse vielmehr erhöht. Zur Zeit wird eine große
prospektive internationale randomisierte und kontrollierte
Studie zur Wirkung des selektiven Estrogenrezeptormodulators
Raloxifen durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studie
werden in 5-6 Jahren erwartet.
Können pflanzliche Estrogene (Phytoestrogene) für die
Hormonersatztherapie genutzt werden und vermindern
diese das koronare Risiko?
Es wird vermutet, dass Phytoestrogene wie Isoflavon für
die geringe kardiovaskuläre Morbidität in Ländern mit
einem hohen Soja-Anteil in der Nahrung verantwortlich
sind. Bisher gibt es allerdings nur wenige Daten über
die Wirkung auf kardiovaskuläre Risikofaktoren. Die
Behandlung von Affen mit Soja-Phytoestrogenen
reduzierte die Arteriosklerose jedoch zu einem
geringeren Grad als Estrogene.
Fast alle modernen Formen der Hormonersatztherapie
enthalten sowohl Progesteron als auch Estrogen. Da
Progesteron eine androgene Wirkung hat, könnte dies
der angenommenen vorteilhaften Wirkung von Estrogenen
entgegenwirken. Sollten bei der Hormonersatztherapie
Kombinationen auf der Basis von Progesteron oder
anderen nichtandrogenen Progestinen entwickelt
werden?
Welches Progesteron ist in der Hormonersatztherapie vorzuziehen?
Anders als Medroxyprogesterone können androgene
Derivate von 19-Nortestosteron die hypertriglyzeridämischen
und prothrombotischen Wirkungen von Estrogenen ausgleichen,
aber auch der positiven Wirkung von Estrogenen auf
HDL-Cholesterin entgegenwirken. Nichtandrogene
Hypdroxyprogesteronderivate wie Medroxyprogesteron
heben die Wirkung von Estrogenen auf HDL-Cholesterol
und Triglyzeriden nicht auf. Zudem ist nicht geklärt,
ob die Gestagene die Arteriosklerose langfristig
beeinflussen. Zum Beispiel wird die Erhöhung des
HDL-Cholesterins in Folge der Behandlung mit
Estrogenen als Beweis für eine antiatherogene
Wirkung gesehen, die Verringerung des HDL-Cholesterins
durch 19-Nortestosteronderivate hingegen als
problematische Nebenwirkung. Ergebnisse genetischer
Studien beim Menschen und Versuchen in transgenen
Tiermodellen werfen allerdings die Frage auf, ob
die Konzentration des HDL-Cholesterins tatsächlich
kausal mit der Arteriosklerose zusammenhängt.
Patienten und Mäuse mit einer Defizienz der
hepatischen Lipase haben zum Beispiel hohe
HDL-Cholesterinspiegel, entwickeln aber trotzdem
eine Arteriosklerose. Interessant dabei ist, dass
die hepatische Lipase durch Estrogene herunterreguliert
und durch Androgene hochreguliert wird und dadurch für
die Wirkung dieser Substanzen auf den HDL-Cholesterinspiegel
wesentlich ist. Es ist also nicht möglich zu beurteilen,
ob androgene Hydroxyprogesteronderivate den androgenen
19-Nortestosteronderivaten überlegen sind. Es ist jedoch
notwendig, kontrollierte Interventionsstudien durchzuführen,
um die zur Verfügung stehenden Therapiemöglichkeiten auf
ihre klinische Wirksamkeit hin zu prüfen.
Wenn die protektive Wirkung von Estrogenen zum Teil auf ihren
antioxidativen Eigenschaften beruht, könnten möglicherweise
fettlösliche Estrogenderivate eingeführt werden, die in
LDL-Partikeln angereichert antioxidativ wirken. LDL-Oxidation
findet vorwiegend in der Arterienwand statt, so dass die in
Lipoproteinen eingelagerten Antioxidantien ihre Schutzwirkung
in der Arterienwand entfalten könnten.
Ein interessantes Konzept. Es gibt allerdings noch keine
Daten hierzu. Solche Präparate müssen zunächst in Tierexperimenten
getestet werden. Es muss geklärt werden, ob die antioxidativen
Aktivitäten des Vitamin E, die in vitro beobachtet wurden, in
vivo nachzuweisen sind.
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Fragengruppe 2:
Hormonersatztherapie: Anwendung
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Alle Beobachtungsstudien, die eine Senkung des koronaren Risikos
durch Hormonersatztherapie implizieren, wurden mit oralen Estrogenen
durchgeführt. Hat eine transkutane Verabreichung die gleiche
Wirkung auf das koronare Risiko (keine direkte Wirkung über
die Leber und daher vielleicht weniger Wirkung auf die
Gerinnungsfaktoren)?
Transkutane Applikation reduziert die stimulierende Wirkung der
Estrogene auf die hepatische Produktion von Lipoproteinen und
Gerinnungsfaktoren und reduziert Hypertriglyzeridämie und
prothrombotische Komplikationen, aber auch die gewünschten
Wirkungen auf HDL und Lp(a). Auch hier sind kontrollierte
Interventionsstudien notwendig, um die klinische Wirkung
auf die Arteriosklerose zu belegen.
Könnte die vermutete adverse androgene Wirkung von Progesteron
vermieden werden durch
a) kutane Verabreichung von Progesteron oder
b) lokale intrauterine Verabreichung von Progesteron?
Siehe Antwort zu Fragen 3 und 4
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Fragengruppe 3:
Hormonersatztherapie: Nachweis von Vorteilen durch klinische Studien
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In der einzigen plazebokontrollierten und randomisierten
KHK-Präventionsstudie (HERS) konnte keine KHK-Reduktion in der
Behandlungsgruppe nachgewiesen werden. HERS benutzte konjugierte
Estrogene aus Pferdeurin. Sollten zukünftige Studien auch Estradiol
testen, da dies das am häufigsten eingesetzte Medikament in vielen
europäischen Ländern ist?
Ja, allerdings sind auch hier letztlich kontrollierte Interventionsstudien
notwendig, um die klinische Wirkung auf die Arteriosklerose zu testen.
Bislang leitet sich nur aus Beobachtungsstudien ab, dass
Hormonersatztherapie KHK verhüten hilft. Die Ergebnisse der bislang
einzigen kontrollierten Studie (HERS) waren negativ. Gibt es zur
Zeit eine nachweisbare Rechtfertigung für die Empfehlung von
Hormonersatztherapie zur KHK-Prävention?
Es gibt zur Zeit zwei großangelegte Primärpräventionsstudien zur
kardioprotektiven Wirkung der Hormonersatztherapie (WISDOM in
GB und WHI in USA). Sollten die Ergebnisse dieser Studien
abgewartet werden bevor die Hormonersatztherapie zur Prävention
der KHK empfohlen wird?
Die Relevanz der Hormonersatztherapie in der Prävention von koronarer
Arteriosklerose in Frauen nach der Menopause muss in weiteren Studien
belegt werden. Die Langzeitkontrolle der HERS Patienten wird durchgeführt.
Zusätzlich werden zur Zeit mehrere große randomisierte Studien zum
Hormonersatz durchgeführt. Dazu gehören die U.S. Women´s Health
Initiative (WHI), deren Ergebnisse im Jahr 2005 erwartet werden,
die WELLHART Studie, eine randomisierte Studie zu Homonen in Frauen
mit bekannter koronaren Arterienerkrankung, und die British Women´s
International Study of Long Duration Oestrogen after Menopause
(WISDOM). Die Women´s Health Initiative hat vor kurzem über das
Data and Safety Monitoring Board (DSMB) Daten veröffentlicht.
Demnach wurden die Frauen in dieser Studie informiert, dass eine
"leichte Zunahme" an Herzinfarkten, Schlaganfällen und Venenthrombosen
in der mit Hormonen behandelten Gruppe beobachtet wurde. Das DSMB hat
jedoch eine Weiterführung der Studie empfohlen. Die Ergebnisse einer
kleinen Multicenter-Studie, der Estrogen Replacement and Atherosclerosis
Study (ERA), wurden von Herrington und Kollegen auf der Tagung des
American College of Cardiology am 13. März 2000 präsentiert. In
dieser Studie wurden 309 Frauen, mit einem Altersdurchschnitt
von 65,8 Jahren und bekannter koronarer Herzkrankheit entweder
mit 0,625 mg konjugiertem Estrogen pro Tag, einer Kombination
von 0,625 mg Estrogen und 2,5 mg Medroxyprogesteronazetat
(PremPro) oder Plazebo behandelt. Nach 3,5 Jahren Behandlung
konnte durch Koronarangiographie kein Unterschied im Krankheitsverlauf
bei den verschiedenen Gruppen beobachtet werden. Auch wurde keine
unterschiedliche Inzidenz kardialer Ereignisse in den drei Gruppen
gefunden. Der fehlende Unterschied zwischen der Estrogenkohorte und
der PremProkohorte spricht gegen eine atherogene Wirkung bei der
täglichen Einnahme von Medroxyprogesteronazetat, eine Sorge die
durch Studien an Affen aufgekommen war. Der initiale Anstieg in
der Rate koronarer Ereignisse bei hormonbehandelten Frauen in der
HERS Studie spricht dafür, dass Estrogene die Entstehung von Thrombosen
in Gebieten mit "aktiver" Koronarsklerose fördern, die durch die Präsenz
unstabiler Plaques charakterisiert sind. Ein therapeutischer Ansatz zur
Lösung dieses Problems ist der vorübergehende Einsatz von Statinen
vor Beginn einer Hormonersatztherapie.
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Fragengruppe 4:
Risiken der Hormonersatztherapie in postmenopausalen Frauen
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Welche Frauen profitieren von einer Hormonersatztherapie?
Da sich Hormone und synthetische Steroide, welche für den postmenopausalen
Hormonersatz verwandt werden, in ihren anti- und proatherogenen Wirkungen
unterschieden, wird es wahrscheinlich notwendig sein, für jede einzelne
Frau differenziert nach der Notwendigkeit und der für sie optimalen
Hormonersatztherapie zu fragen. Eine neuere post hoc Analyse von HERS
zeigte bei der Untergruppe von Frauen mit hohem Lipoprotein (a) (Lp(a)
eine signifikante Reduktion von KHK-Ereignissen. Post hoc Analysen können
jedoch nur Indikatoren dafür sein wie zukünftige Studien aussehen sollten.
Sie liefern keinen Beweis dafür, dass Frauen mit hohen Lp(a)-Werten
tatsächlich von einer Hormonersatztherapie profitieren. Weitere Parameter,
die die Auswahl einer speziellen Hormonersatztherapie beeinflussen,
sind: HDL-Cholesterin, Triglyzeride, Risikoparameter für Thrombosen,
Eigen- und Familienanamnese einer KHK, Osteoporose, Thrombose oder
Brustkrebs.
Wie lange sollte Hormonersatztherapie nach der Menopause zur Prävention
einer KHK verschrieben werden?
Falls Studien eine sichere Hormonersatztherapie identifizieren, die
eine KHK effektiv verhindert, sollte diese Behandlung ein Leben lang
durchgeführt werden.
Bei welchen Frauen sollte Hormonersatztherapie nicht verordnet werden
(Brustkrebs in der Familie, BRCA-Gene)?
Es besteht Konsens darüber, dass Frauen mit einer eigenen oder familiären
Brustkrebsanamnese keine Hormonersatztherapie durchführen sollten. Die
Bedeutung des BRCA-Screenings ist kontrovers diskutiert. Weitere
Ausschlusskriterien sind eine eigene oder familiäre Anamnese von
venösen Thrombosen und Gallensteine.
Welche Untersuchungen zur Thrombosegefährdung sollten vor Einsatz einer
HRT durchgeführt werden?
Thrombosen in der Eigen- oder Familienanamnese sollten als Kontraindikation
für die Durchführung einer Hormonersatztherapie mit Estrogenen gewertet
werden. Inwiefern spezielle thrombophile Risikofaktoren das Risiko für
Thromboseereignisse bei Frauen mit speziellen Hormonersatztherapie-Regimen
beeinflussen, muss untersucht werden. Kandidatengene sind Prothrombin,
Faktor V, Faktor VIII, Protein C und Protein S, Antithrombin und MTHFR.
Möglicherweise sind auch Autoantikörper gegen Phospholipide und Cardiolipin
brauchbare Marker.
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Fragengruppe 5:
Risikofaktoren für koronare Arterienerkrankung in postmenopausalen Frauen
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Die KHK-Risikofaktoren scheinen bei Frauen anders gewertet zu sein als bei
Männern (HDL ein besserer Indikator und Triglyzeride ein stärkerer
Risikofaktor). Könnte dies durch Analyse der MONICA-Daten oder eine andere
epidemiologische Datenbank geklärt werden? Sollten Präventivmaßnahmen die
Geschlechtsunterschiede bei Risikofaktoren berücksichtigen?
Meta-Analysen der prospektiven Bevölkerungsstudien haben gezeigt, das
Triglyzeride bei Frauen eine engere Assoziation zur KHK haben als bei
Männern. Daten aus der Framingham Studie sprechen außerdem dafür, dass
HDL-Cholesterin bei Frauen ein bedeutenderer Risikofaktor für KHK ist
als bei Männern. Diese Ergebnisse müssen jedoch durch weitere Studien
belegt werden. Da das kardiovaskuläre Risiko am besten durch mathematische
Algorithmen bestimmt wird, in denen Informationen über mehrere Risikofaktoren
zusammengetragen werden (z.B. der PROCAM-Algorithmus mit Alter, Rauchen,
Gesamt- oder LDL-Cholesterin, HDL-Cholesterin, Triglyzeride, Diabetes,
Bluthochdruck, Myokardinfarkt in der Familienanamnese) ist es notwendig,
epidemiologische Daten zu haben, mit denen das geschlechtsspezifische
Globalrisiko berechnet werden kann. Solche Daten gibt es bisher nicht.
Verschiedene Bevölkerungen (bzw. verschiedene Bevölkerungsgruppen, z.B.
bestimmte soziale Gruppen) haben ein unterschiedliches Risiko für
tödliche oder nichttödliche Herzinfarkte. Sollte dies in internationalen
Richtlinien herausgeho-ben werden?
Grundsätzlich ja. Aber ist dies machbar? Denn dann müsste auch jede
Nation ihre eigenen epidemiologischen Datenbanken für Entscheidungsprozesse
erstellen.
Sind übergewicht und Insulinresistenz bei Männern und Frauen unterschiedlich
zu bewerten im Hinblick auf ihre Bedeutung als Risikofaktoren?
Besonders bei älteren Frauen sind übergewicht, Diabetes mellitus und
Bluthochdruck häufiger vertreten als bei Männern und spielen daher
wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Manifestation einer KHK.
Eine repräsentative Studie an deutschen Frauen durch das
Bundesgesundheitsministerium zeigte, dass bei den über 50 Jahre
alten Frauen ca. ein Drittel adipös sind (Body Mass Index mindestens
30 kg/m2). Mehr als ein Drittel haben einen systolischen Blutdruck
von mindestens 160 mmHg und/oder einen diastolischen Blutdruck von
mindestens 95 mmHg, und ca. 10% leiden an Diabetes mellitus. Außerdem
ist körperliche Inaktivität sehr häufig bei Frauen dieser Altersgruppe.
Zwei Drittel berichteten von weniger als einer Stunde mäßig anstrengender
körperlicher Aktivität pro Woche. Sehr ähnliche Ergebnisse wurden
auch von amerikanischen Frauen berichtet, und diese Konstellation
von Risikofaktoren trifft wahrscheinlich auf ältere Frauen in den
meisten entwickelten Ländern zu.
Ein Risikofaktor bei Frauen, der besonders erwähnt werden muss,
ist der Diabetes mellitus. Bei prämenopausalen Frauen mit Diabetes mellitus
ist das KHK-Risiko vergleichbar mit gleichaltrigen Männern. Nach der Menopause
erhöht Diabetes das koronare Risiko bei Frau-en um das 3-7-fache im
Vergleich zu einer 2-3-fachen Erhöhung bei gleichaltrigen Männern.
Wahrscheinlich wirkt sich ein Diabetes mellitus bei Frauen besonders
nachhaltig auf Lipide und Blutdruck aus. Typ 2 Diabetes mellitus und
Insulinresistenz, die dieser Erkrankung meistens über Jahre vorangehen,
gehen charakteristischerweise mit hohen Triglyzeridwerten und niedrigem
HDL-Cholesterin einher. Niedrige HDL-Cholesterinwerte scheinen bei
Frauen im Alter von über 65 Jahren ein stärkerer Risikoindikator für
KHK zu sein als bei gleichaltrigen Männern.
Aus diesem Grund sind konservative Maßnahmen zur Vermeidung einer
Insulinresistenz wichtig, um das Herzinfarktrisiko bei Frauen nach der
Menopause zu senken. Dazu gehören Normalisierung des Körpergewichts und
Reduzierung der Fettaufnahme in der Nahrung. Ein sehr wichtiger Faktor
bei konservativen Maßnahmen, dem allerdings bisher nicht genügend Aufmerksamkeit
gegeben wurde, ist die körperliche Aktivität. Dies bedeutet mindestens
30 Minuten pro Tag mäßig anstrengende körperlicher Betätigung, z.B.
schnelles Gehen. Frauen die bereits einen Myokardinfarkt erlitten haben,
sollten an einem Herz-Sport-Programm teilnehmen.
Ergibt sich durch die Estrogendefizienz bei älteren Frauen ein spezielles
Risikoprofil?
Die meisten der seit langem bekannten und auch der neueren Risikofaktoren
treten bei Frauen mit zunehmendem Alter stärker hervor: Hypercholesterinämie,
Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Hypertriglyzeridämie, Hyperhomocysteinämie,
Hyperinsulinämie, Hyperfibrinogenämie. Einige, aber nicht alle änderungen
bei diesen Risikofaktoren sind der Menopause zuzuschreiben. Vielmehr
beruhen sie auf anderen Veränderungen, z.B. altersbedingte änderungen
im endokrinen System: Somatopause, Adrenopause, Hyperthyreose, Insulinresistenz.
Welche Rolle spielen MRI, EBCT und PET in der Risikobewertung in
postmenopausalen Frauen?
Die nichtinvasive Bildgebung wird in Zukunft zu einem bedeutenden Werkzeug
bei der Prävention der KHK bei Männern und Frauen werden. Der Nachweis der
KHK durch diese Methoden wird den gezielten Einsatz therapeutischer
Maßnahmen ermöglichen, um klinischen Ereignissen vorzubeugen.
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Fragengruppe 6:
KHK-Prävention bei postmenopausalen Frauen - Strategien ohne Hormone
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Wie würde eine Studie aussehen, die eine lipidsenkende Medikationen mit
Hormonersatztherapie in der Prävention der KHK in postmenopausalen
Frauen vergleicht?
Im Gegensatz zu den enttäuschenden Ergebnissen der HERS Studie, haben
mehrere große prospektive Studien klar gezeigt, dass eine Senkung des
LDL-Cholesterins durch den Einsatz von Statinen das KHK-Risiko bei
Frauen genauso effektiv senkt wie bei Männern. Die Air Force/Texas
Armed Forces Coronary Atherosclerosis Prevention Study (AFCAPS/TexCAPS)
wurde bei Personen ohne koronare Herzkrankheit durchgeführt, während
die Scandinavian Simvastatin Survival Study (4S) und die Cholesterol
and Recurrent Events Study (CARE) bei Personen mit bekannter
Koronarsklerose durchgeführt wurde. In allen drei Studien waren eine
nicht unbedeutende Anzahl von Frauen beteiligt, die zumeist menopausal
waren. In allen drei Studien waren die erzielten Vorteile bei Frauen
genau so groß wie bei Männern, d.h. durch Statine wurde das Risiko
eines tödlichen oder nicht-tödlichen Myokardinfarktes um etwa ein
Drittel gesenkt. Im Hinblick auf diese Ergebnisse müssen bei dem
Entwurf von Studien zum Vergleich von Hormonersatztherapie und
Statinintervention sowohl medizinische wie auch ethische Aspekte
geprüft werden. In der Sekundärprävention ist es nicht akzeptabel,
Frauen mit einem LDL-Cholesterin >100 mg/dl von einer
Statinbehandlung auszuschließen. Insofern ist nur ein Vergleich
Statinbehandlung versus Statinbehandlung plus Hormonersatztherapie
möglich. In der Primärprävention muss das Risikoprofil der Frauen
mitberücksichtigt werden. Ein direkter Vergleich von einer nur-Statin
Behandlung versus einer nur-Hormonersatztherapie-Behandlung scheint
nur sinnvoll bei Frauen mit einem LDL-Cholesterinwert unter <160 mg/dl).
Wenn die Werte über diesem Grenzwert liegen ist nur ein Vergleich
Statin-Monotherapie mit kombinierter Statin-Hormonersatztherapie
sinnvoll. Ein Vergleich von Fibraten mit Hormonersatztherapie wirft
weniger ethische Bedenken auf, da die präventive Wirkung von Fibraten
ebenfalls noch kontrovers diskutiert wird.
In Ost- und Zentraleuropa ist eine weite Verbreitung von Hormonersatztherapien
und Statinen aus Kostengründen nicht möglich. Zu welchen
nicht-pharma-kologischen Interventionen sollte statt dessen geraten werden?
Im Gegensatz zu dem Rückgang der KHK-Inzidenz, die in den letzten Jahren
in entwickelten Ländern zu beobachten ist, hat die Häufigkeit der koronaren
Herzkrankheit in den ehemali-gen sozialistischen Ländern in Zentral- und
Osteuropa stark zugenommen.
Dieser Anstieg wird bei Männern und Frauen beobachtet, kann jedoch noch
nicht vollständig erklärt werden. Der Anstieg im Zigarettenkonsum könnte
einen Teil dazu beigetragen haben. Aus diesem Grund sind öffentliche Kampagnen,
die die Aufgabe des Rauchens fördern, so wie hohe Steuern auf Zigaretten
wichtige Interventionsmaßnahmen.
Siehe auch Antwort zu Frage 17 - Bedeutung von diätetischen und
hygienischen Maßnahmen.
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